Symptomatik
Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen, kurz ZAVS, sind Störungen der Verarbeitung auditiver Informationen bei intaktem peripherem Hören.
Synonyme: (Zentral-)auditive Wahrnehmungsstörungen, Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)
Die hier verwendete Bezeichnung kommt dem im englischsprachigen Raum üblichen Begriff "(central) auditory processing disorders - (C)APD" am nächsten. Von einer ZAVS sollte erst dann gesprochen werden, wenn sich in mindestens zwei auditiven Teilfunktionen auf sprachlicher Ebene mit standardisierten Testverfahren signifikante modalitätsspezifische Störungen nachweisen lässt.
Kinder mit zentral-auditiven Verarbeitungsstörungen wirken oft unaufmerksam und können sich mündlich erteilte Aufträge nicht gut merken. Sie haben vielfach die bedeutungsunterscheidende Wirkung von Sprachlauten noch nicht erkannt, so dass sie vielfach den Unterschied zwischen Wörtern nicht erkennen können, die sich nur in einem Laut unterscheiden (z. B. 'Tanne - Kanne'). Sie sind nicht in der Lage, Laute aus Wörtern herauszuhören oder die Position von Lauten in Wörtern zu bestimmen, obwohl sie im Vorschulalter dazu in der Lage sein müssten. Zusätzlich wirken viele dieser Kinder leicht ablenkbar, da sie Schwierigkeiten damit haben, Störgeräusche zu unterdrücken. Dadurch bekommen sie wichtige Informationen nicht mit. Häufig wird den Kindern die Absicht unterstellt, dass sie etwas nicht hören wollen oder bestimmte Anweisungen nicht befolgen wollen.
Die folgenden Fragen können auf auditive Verarbeitungsstörungen in den einzelnen auditiven Bereichen hinweisen (nach Günther und Günther 1992):
Aufmerksamkeit
- Erscheint das Kind wach und aufmerksam?
- Kann es sich über normale Zeitspannen hinweg auf auditive Reize konzentrieren?
- Lässt es sich leicht ablenken?
Speicherung
- Kann sich das Kind verbal gegebene Anweisungen merken?
- Kann es vorgesprochene Laute, Zahlen, Wörter und Sätze nachsprechen, auch wenn die Reihenfolge dabei nicht stimmt?
Sequenz
- Kann sich das Kind an eine Reihe von Anweisungen in der gegebenen Reihenfolge erinnern?
- Kann es Laute, Zahlen, Wörter und Sätze in der richtigen Reihenfolge wiedergeben, ohne etwas zu verwechseln, auszulassen oder abzuändern?
Lokalisation
- Kann es gleich die Richtung ausmachen, aus der Geräusche oder Sprache kommen?
- Dreht es den Kopf in die richtige Richtung, wenn man es ruft?
Differenzierung
- Kann das Kind Laute, Silben, Wörter oder Sätze voneinander unterscheiden?
- Ist es in der Lage, Minimalpaare (z. B. 'Tanne - Kanne') unterscheiden?
Selektion
- Kann das Kind einen Geräuschinhalt von einem Hintergrund gleichzeitig auftretender Umweltgeräusche abheben?
- Kann es einen sprachlichen Sinngehalt auch dann noch verstehen, wenn bestimmte Laute oder Wörter in Nebengeräuschen verlorengehen?
Analyse
- Kann das Kind Laute/Wörter aus einem Wort/Satz heraushören, egal an welcher Stelle des Wortes/Satzes dieser/s steht?
- Kann es erkennen, an welcher Stelle des Wortes/Satzes bestimmte Laute/Wörter stehen?
- Kann es die Zahl der gehörten Silben eines Wortes wiedergeben?
- Erkennt es die Silbenbetonung in Wörtern?
Synthese
- Kann das Kind aus getrennten Lauten Wörter bilden?
- Kann es die Beziehung zwischen Wortteilen und dem ganzen Wort herstellen?
Ergänzung
- Kann das Kind mit Hilfe inhaltlicher Hinweise fehlende Wortteile oder durch Nebengeräusche blockierte Wärter ergänzen?
Ursachen und Zusammenhänge mit anderen Störungsbildern
Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen treten zu 2-3% bei Kindern auf. Jungen sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. (Chermak & Musiek 1997, Bamiou et al. 2001, Ptok et al. 2000). Sie können eine Folge von chronischen Mittelohrentzündungen sein, wobei diese Annahme in der Literatur umstritten ist (von Suchodoletz 2007). Auch Hirnreifungsverzögerungen oder mangelnder auditiver Input gelten als verursachende Möglichkeiten. Meist ist eine Ursache nicht nachweisbar.
Auditive Verarbeitungsstörungen kommen häufig bei Kindern mit Sprachstörungen vor, können aber auch isoliert auftreten. Kinder mit auditiven Verarbeitungsstörungen haben häufiger Lese-Rechtschreibprobleme. Diese resultieren bei diesen Kindern überwiegend aus der fehlenden bzw. eingeschränkten Analyse- und Synthesefähigkeit, welche die Basis für die dem Schreiblernprozess zugrunde liegende phonematische Bewusstheit bilden. Die Kinder haben Schwierigkeiten, das alphabetische Prinzip der Schriftsprache zu erlernen. Ihnen fehlt die Bewusstheit dafür, dass Sprache aus einzelnen Lauten zusammengesetzt ist (Analyse), und dass einzelne Laute zusammengesetzt Wörter ergeben (Synthese). Bei Diktaten können sich die Kinder im Fall von Speicherungsstörungen die diktierten Wörter und Sätze nicht ganz merken und haben daher Probleme, dem Diktat zu folgen. Fehlen Ihnen Informationen, so sind sie zudem oft nicht in der Lage, diese sinnvoll zu ergänzen. Es sollte also bei vorliegender Lese-Rechtschreibschwäche immer untersucht werden, ob eine auditive Verarbeitungsstörung vorliegt, die diese mit beeinflusst oder evt. sogar verursacht.
Literatur
Chermak, G. D., Musiek, F. E. (1997). Central auditory processing disorders: new perspectives. San Diego: Singular.
Bamiou, D., Musiek, F., Luxon, L. (2001). Aetiology and clinical presentations of auditory peocessing disorders – review. Archives of Disease in Childhood, 85, 361-365.
Günther, H., Günther, W. (1992). Diagnose auditiver Störungen bei Sprachauffälligkeiten und Lese-Rechtschreibschwierigkeiten im Primarbereich. Sprachheilarbeit, 37, 5-19
Ptok, M., Berger, R., Deuster, Chr. V., Gross, M., Lamprecht-Dinnesen, A., Nickisch, A., Radü, H. J., Uttenweiler, V. (2000). Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen. Sprache-Stimme-Gehör, 24, 90–94.
Suchodoletz, von W. (2007). Prävention von Entwicklungsstörungen. Göttingen: Hogrefe.