Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen
Die zentrale Verarbeitung ist die nach der peripheren Reizaufnahme stattfindende zentral-zerebrale Weiterleitung und -verarbeitung auditiver Stimuli. Sie beginnt ab dem Eintritt des Nervus vestibulocochlearis in den Hirnstamm. Die akustischen Signale werden mittels Nervenimpulsen über die verschiedenen Schaltstellen der zentralen Hörbahn bis zur Großhirnrinde (Cortex) weitergeleitet. Auf der Ebene der zentralen Hörbahn kommt es bereits zur Vorverarbeitung der auditiven Impulse hinsichtlich ihrer Dauer, Tonhöhe und Lautstärke. Die komplexesten Verarbeitungsschritte finden jedoch im Cortex statt.

Die Teilfunktionen der zentral-auditiven Verarbeitung
Aufmerksamkeit
Die Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, sich auditiven Stimuli zuzuwenden und diese bewusst wahrzunehmen. Die Aufmerksamkeit stellt eine wichtige Basisfunktion für die auditive Verarbeitung dar.
Speicherung & Sequenz
Unter Speicherung versteht man die Fähigkeit, auditive Stimuli kurzfristig im Gedächtnis zu speichern. Bei der Sequenz ist zusätzlich die Reihenfolge der gespeicherten Stimuli relevant. Diese beiden Komponenten bilden den Arbeitsspeicher (Kurzzeitgedächtnis). Darin können normalerweise 7 - 2 Items für bis zu 20 Sekunden abgespeichert werden, bevor sie a) aus dem Arbeitsspeicher herausfallen (also vergessen werden), b) durch erhaltende Wiederholung im Arbeitsspeicher gehalten werden oder c) ins Langzeitgedächtnis integriert werden. Kindern ist es zunächst nicht möglich, so viele Inhalte im Arbeitsgedächtnis zu behalten. Diese Fähigkeit entwickelt sich mit zunehmendem Alter, wobei die Zahl der behaltenen Items dem Lebensalter minus 1 bis 2 Items entsprechen sollte (Bsp.: ein 5-jähriges Kind sollte in der Lage sein, 4 Items kurzfristig zu behalten). Auch die auditiven Teilfunktionen der Speicherung & Sequenz stellen eine Basis der auditiven Verarbeitung dar, ohne die keine Weiterverarbeitung möglich ist.
Lokalisation
Die Lokalisation ist die Leistung, die Richtung und Entfernung auditiver Stimuli festzustellen und basiert auf der Fähigkeit des Hörsystems, sich durch binaurales (beidohriges) Hören im Raum zu orientieren.
Diskrimination
Dies ist die Fähigkeit, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen auditiven Stimuli zu erkennen.
Selektion
Unter Selektion versteht man die Fähigkeit zur Unterscheidung bedeutungsvoller Informationen von Umgebungsgeräuschen. Dies ist umso schwieriger, je mehr Nebengeräusche vorhanden und je komplexer diese sind.
Analyse
Die Analyse ermöglicht es, einzelne Elemente aus einer akustisch komplexen Gestalt herauszulösen. Sie kann auf sprachlicher Ebene in die Lautidentifikation ("Ist ein /f/ in 'Foto'?") und die Positionsbestimmung ("Ist das /f/ in 'Foto' am Anfang oder Ende?") eingeteilt werden. Die Analyse ist eine wichtige Fähigkeit im Hinblick auf den Erwerb der sog. "phonologischen Bewusstheit" und dem damit verbundenen Schriftspracherwerb.
Synthese
Die Synthese ist der der Analyse entgegengesetzte Prozess des Zusammensetzens einer akustisch komplexen Gestalt aus einzelnen Elementen (z. B. 'M-i-l-ch' heißt 'Milch'). Auch diese Leistung ist - in Zusammenhang mit der Analyse - bedeutsam für den Schriftspracherwerb. Ohne die Synthese können die einzelnen gelesenen Buchstaben nicht zu einem sinnhaften Wort zusammengesetzt und somit "gelesen" werden.
Ergänzung
Die Ergänzung ist die Fähigkeit, fragmetarische akustische Informationen zu einer sinnvollen Information zusammenzusetzen. Sie ist immer dann notwendig, wenn in der Kommunikation Informationsanteile verloren gehen und auf der Basis des eigenen Wortschatzwissens entsprechend ergänzt werden müssen (z. B. '-ele-on-uch' heißt 'Telefonbuch').
Literatur
Lauer, N. (2006). Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen im Kindesalter. Stuttgart: Thieme.
