Therapie
Die Leitlinien der Sprechapraxietherapie sind:
- Ermittlung des individuellen Störungsprofils und Störungsgrads
- Planung einer individuellen Aufgabenerarchie mit Beachtung der Silbenkomplexität
- Üben individuell bedeutungsvoller Silben, Wörter und Sätze
- Übungen an den Patienten anpassen und variabel gestalten
- Hohe Therapiefrequenz mit häufigen Wiederholungen innerhalb der einzelnen Sitzungen
- Unterstützung der Selbstkorrekturfähigkeit des Patienten
- klare Rückmeldung in einem an den Patienten angepassten Ausmaß geben
- direkte Arbeit an Artikulation bzw. Prosodie
Mundmotorische Übungen zur Verbesserung nicht-sprachlicher oraler Bewegungen sind ausschließlich bei schweren Sprechapraxien einzusetzen. Betroffene mit leichten oder mittelgradigen Störungen profitieren nicht von mundmotorischen Bewegungen, da diese über ein anderes motorisches System organisiert sind als Sprechbewegungen!
Bei der Therapieplanung ist eine patientenorientierte Zielsetzung im Sinne der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorzunehmen. Dabei hilft die SMART-Regel (Whitemore 1992), alltagsorientierte Ziele mit dem Patienten gemeinsam zu formulieren:
Specific = Welche Leistung soll verbessert werden?
Measurable = Ist die Leistung quantitativ erfassbar?
Achievable = Ist das Ziel erreichbar?
Relevant = Ist das Ziel für den Patienten wichtig?
Timed = In welchem Zeitraum soll das Ziel erreicht werden?
Therapiemethoden
Die zur Behandlung der Sprechapraxie zur Verfügung stehenden Therapiemethoden können in folgende fünf Bereiche (Lauer & Birner-Janusch 2010) unterteilt werden:

Therapiemethoden zur Behandlung der Sprechapraxie
Rhythmisch-melodische Ansätze
Das Prinzip dieser Ansätze ist die Arbeit an rhythmisch-melodischen Mustern, um Betroffene mit schweren Sprechapraxien zum Sprechen zu stimulieren oder speziell an prosodischen Defiziten bei Betroffenen mit leichten bis mittelgradigen Störungen zu arbeiten. Dazu gehören folgende Therapieansätze:
- Melodische Intonationstherapie (Albert et al. 1973)
- Externe Taktgeber (Metronom - Dworkin et al. 1988, Vibrotaktile Stimulation - Rubow et al. 1982)
- Interne Taktgeber (Fingertapping - Simmons 1978, Rosenbek 1983, Pacing-Board)
- Artikulatorisches Synchronisationsverfahren (Brendel und Ziegler 2002)
- Kontrastive Akzentuierung (Fairbanks 1960, Rosenbek 1983, Wertz 1984)
- SIPARI (Jungblut 2005)
- Akzentmethode (Smith und Thyme 1980)
Segmentbasierte Ansätze
Mit segmentbasierten Ansätzen wird über die Artikulation von Einzellauten, Silben und Wörter direkt an der Verbesserung der Aussprache gearbeitet. Segmentbasierte Therapieansätze sind:
- Ableitungsmethoden (Van Riper und Irvin 1958)
- Phonetic Placement (Rosenbek 1983)
- Phonemdrill (Darley et al. 1975)
- 8-Schritte-Kontinuum (Rosenbek et al. 1973)
- Sprechapraxie-Therapie nach Luzzatti und Springer (1995)
Beim Phonetic Placement wird die Artikulation über auditive, visuelle und taktile Hilfen unterstützt. Mit speziellen PC-Programme können den Betroffenen die Artikulationsbewegungen verdeutlicht werden. Dazu gehören der SpeechTrainer (Kröger 2003) und Vivian (Fagel 2008). Beide Programme ermöglichen die Darstellung von Artikulationsbewegungen bei Einzellauten, Silben und Wörtern. Bei der Sprach-Farbbld-Transformation (Wurm-Dinse, Esser 1990) kann der Betroffenen seine eigene Artikulation über die Darstellung von Hüllkurven mit der des Therapeuten vergleichen. Das Programm Gebilex von Lifetool wiederum enthält Mundbildvideos zu Wörtern, die eine visuelle Hilfe darstellen können.
Wortstrukturelle Ansätze
Wortstrukturelle Ansätze setzen direkt an Wörtern an. Das Ziel ist eine gute Verständlichkeit, auch wenn einzelne Laute innerhalb des Wortes noch nicht korrekt artikuliert werden können. Zu den wortstrukturellen Ansätzen zählen:
- Phonetische Kontrastierung (Wertz et al. 1984)
- Metrischer Ansatz (Jaeger 1991)
- Multiple Input Phoneme Therapy (Stevens und Glaser 1983)
- Schlüsselworttechnik
Wortlisten zur Therapie der Sprechapraxie als kostenfreier Download auf den Seiten der Entwicklungsgruppe Klinische Neuropsychologie unter www.ekn.mwn.de
Cueing-Techniken
Über visuelle, gestische und/oder taktile Hinweisreize wird die Artikulation unterstützt. Cueing-Techniken sind:
- Erweiterte Mediationstechnik für Sprechapraxie (Shell 1993)
- Kommunikationsunterstützung über Gesten
- PROMPT (Square-Storer & Hayden 1989) bzw. TAKTKIN (Birner-Janusch 2001)
Alternative und/oder augmentative Kommunikationsformen
Während augemtnative Kommunikationsformen zur Unterstützung der Artikulation eingesetzt werden, dienen alternative Kommunikationsformen der Ersetzung des Sprechens. Dies kann bei sehr schweren Sprechapraxien sinnvoll sein, wenn dauerhaft keine lautsprachlichen Äußerungen erreichbar sind oder aber vorübergehend bis das Sprechen wieder möglich wird. Dazu gehören:
- Nicht-elektronische Kommunikationsformen wie Kommunkationstafeln und Kommunikationsbücher
- Elektronische Kommunikationsformen (z. B. DynaVox MightyMo, TouchSpeak)
Klinischer Einsatz von Therapiemethoden
Eine Untersuchung des klinischen Einsatzes von Methoden zur Sprechapraxietherapie (Lauer 2005 in Lauer u. Birner-Janusch 2010) hat gezeigt, dass in den befragten Kliniken eine Vielzahl der oben genannten Methoden zur Verfügung steht. Somit können die Therapeuten auf die individuellen Schwierigkeiten des Betroffenen engehen. Segmentbasierte Ansätze, wortstrukurelle Ansätze und Cueing-Techniken haben sich bislang als besonders wirksam gezeigt. Eine Kombination dieser Ansätze ist auch in den meisten der befragten Rehabilitationskliniken einsetzbar.
Literatur
Albert, M., Sparks, R. W., Helm, N. A. (1973). Melodic intonation therapy for aphasia. Archives of Neurology, 29, 130-131.
Birner-Janusch, B. (2001). Die Anwendung des PROMPTTM-Systems im Deutschen - eine Pilotstudie. Sprache-Stimme-Gehör, 25, 174-179.
Brendel, B., Ziegler, W. (2002). Das Synchronisationsverfahren in der Therapie der Sprechapraxie. In: Huber, W., Schönle, P. W., Weber, P., Wiechers, R. (eds.). Computer helfen heilen und leben. Bad Honnef: Hippocampus, 47-52.
Darley, F. L., Aronson, A. E., Brown, J. R. (1975). Motor Speech Disorders. Philadelphia: Saunders.
Dworkin, J. P., Abkarian, G. G., Johns, D. F. (1988). Apraxia of Speech: The Effectiveness of a Treatment Regimen. Journal of Speech and Hearing Disorders, 53, 280-294.
Jaeger, M. (1991). Therapie sprechapraktischer Störungen. Hausarbeit zur Erlangung des Magistergrades an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Jungblut, M. (2005). Music therapy for people with chronic aphasia: a controlled study. In: Aldridge, D. (ed.). Music therapy and neurological rehabilitation. Performing Health. London and Philadelphia: Jessica Kingsley Publishers, 189-211.
Lauer, N., Birner-Janusch, B. (2010). Sprechapraxie im Kindes- und Erwachsenenalter. Sruttgart: Thieme.
Riper, van Ch., Irvin, JV. (1958). Voice and Articulation. Englewood Cliffs, New York: Prentice Hall.
Rosenbek, J. C. (1983). Treatment of apraxia of speech in adults. In: Perkins WH, ed. Dysarthria and Apraxia. Stuttgart: Thieme.
Rosenbek, J. C., Lemme, M. L., Ahern, M. B., Harris, E. H., Wertz, R. T. (1973). A treatment for apraxia of speech in adults. Journal of Speech and Hearing Disorders, 38, 462-472.
Rubow, R. T., Rosenbek, J. C., Collins, M. J. (1982). Vibritactile stimulation for intersystemic reorganization in AOS. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 63, 150-153.
Shell, K. (1997). Erweiterte Mediationstechnik für Sprechapraxie (EMS) - Eine Therapiemethode zur Wiederherstellung der Lautsprache mit Hilfe von Eigenstimulation durch Handzeichen. Stuttgart: Gustav Fischer.
Simmons, N. (1978). Finger counting as an intersystemic reorganizer in apraxia of speech. In: Brookshire, R. H. (ed.). Clinical Aphasiology Conference Proceedings. Minneapolis: BRK Publishers.
Smith, S., Thyme, K. (1980). Die Akzentmethode. Herning, Dänemark: Special-pædagogisk forlag.
Springer, L. (1995). Erklärungsansätze und Behandlung sprechapraktischer Störungen. Forum Logopädie, 3, 3-7.
Square-Storer, P., Hayden, D. (1989). PROMPT Treatment. In: Square-Storer, P. A. (ed.). Acquired Apraxia of Speech in Aphasic Adults. London: Taylor & Francis.
Stevens, E. R., Glaser, L. E. (1983). Multiple Input Phoneme Therapy: An Approach to Severe Apraxia and Expressive Aphasia. In: Brookshire R, ed. Clinical Aphasiology Conference Proceedings. Minneapolis: BRK, 148-155.
Wertz, R. T., LaPointe, L. L., Rosenbek, J. C. (1984). Apraxia of Speech in Adults. The Disorder and its Management. Orlando: Grune & Stratton.
Whitemore (1992). Coaching for performance. London: Brealey.
WHO – World Health Organization (2001). International Classification of Funktioning, Disability and Health (ICF). Geneva: WHO Publication. Internet: www.who.int/classification (Letzter Abruf: 01.02.2009).