Diagnostik

Erste Hinweise auf das Vorliegen einer Sprechapraxie kann die 10-Punkte-Checkliste nach Liepold et al. (2003) geben. Je mehr Fragen dieser Checkliste mit ja beantwortet werden können, umso wahrscheinlicher ist das Vorliegen einer Sprechapraxie. Die einzelnen Punkte allein lassen nicht unbedingt eine Aussage über das Vorliegen einer Sprechapraxie zu. In jedem Fall ist die Diagnose durch perzeptive und ggf. apparative Verfahren genauer zu überprüfen.

Perzeptive Verfahren

Im Rahmen perzeptiver Verfahren werden Artikulation, Prosodie und Sprechverhalten auditiv bzw. visuell begutachtet. Dies kann über eine Spontansprachbeurteilung, eine Verständlichkeitsmessung, spezielle Testaufgaben oder die Hierarchischen Wortlisten (Liepold et al. 2003) geschehen. Die Hierarchischen Wortlisten sind das bisher einzige Testverfahren, das im deutschen Sprachraum zur strukturierten Erfassung der Sprechapraxie entwickelt wurde. Es handelt sich um einen Nachsprechtest mit Real- und Pseudowörtern und lässt sich besonders gut bei leichten und mittelgradigen Sprechapraxien einsetzen. Während die Durchführung nur 10-20 Minuten dauert, ist die Auswertung deutlich aufwändiger, insbesondere, wenn der Test vom Untersucher nicht so häufig durchgeführt wird. Daher empfiehlt es sich, eine spezielle HWL-Auswertungstabelle (Lauer 2010) zur Auswertung einzusetzen, mit der diese in sehr kurzer Zeit durchgeführt werden und Grafiken erstellt werden können. Die Hierarchischen Wortlisten ermöglichen eine Aussage zur Veränderung der Symptomatik in Bezug auf Lexikalität, Silbenkomplexität und Wortlänge, die bei den Testitems systematisch verändert werden und entscheidend für die Auswahl und Strukturierung des Therapiematerials sind.

Kostenfreier Download der Hierarchischen Wortlisten unter www.ekn.mwn.de

Apparative Verfahren

Auch wenn in der Literatur viele apparative Verfahren genannt und in einzelnen Studien erprobt wurden, hat sich bislang kein Verfahren durchgesetzt, das üblicherweise bei Sprechapraxie durchgeführt wird. Im Folgenden werden die Verfahren kurz aufgelistet und die Aspekte genannt, die mit dem jeweiligen Verfahren erfasst werden können:

  • Schalldruckkurve: Lautstärke der Stimme, Stimmhaftigkeit, Pausenlänge während der Artikulation
  • Grundfrequenz: mittlere Sprechstimmlage, Tonhöhenumfang
  • Spektrographie: Dauer, Lautstärke, Vokalqualität, Grundfrequenz
  • Zungensonographie: Zungenbewegungen während der Artikulation per Ultraschall
  • Elektromyographie (EMG): Zungen- und Lippenbewegungen
  • Elektropalatographie (EPG): Zungenbewegungen
  • Elektromagnetische Artikulographie (EMG): Zungen- und Lippenbewegungen
  • Röntgen-Microbeam-Untersuchung: Zungen- und Lippenbewegungen
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Zungen-, Lippen-, Velum- und Kehlkopfbewegungen

Differentialdiagnostisch ist die Sprechapraxie von Aphasien und Dysarthrien abzugrenzen. Dabei weisen insbesondere artikulatorische Suchbewegungen, inkonstante phonetische Fehler und ein verlangsamtes, silbenweises Sprechen auf das Vorliegen einer Sprechapraxie hin.

Literatur
Lauer, N., Birner-Janusch, B. (2010). Sprechapraxie im Kindes- und Erwachsenenalter. Stuttgart: Thieme.
Lauer, N. (2010). Excel-Tabelle zur Auswertung der Hierarchischen Wortlisten. Unveröffentlicht.
Liepold, M., Ziegler, W., Brendel, B. (2003). Hierarchische Wortlisten. Ein Nachsprechtest für die Sprechapraxiediagnostik. Dortmund: Verlag modernes Lernen Borgmann.